Das Problem steckt im deutschen Sprachgebrauch: „Regallautsprecher” ist hierzulande der Oberbegriff für zwei Lautsprechertypen, die akustisch grundverschieden funktionieren und an völlig unterschiedlichen Orten aufgestellt werden müssen. Wer das nicht weiß, kauft schnell den falschen – und wundert sich, warum der neue Lautsprecher entweder dröhnt oder klingt, als fehle ihm der halbe Bassbereich.
Die Verwirrung ist hausgemacht: Lautsprecherhersteller verwenden die Begriffe oft synonym oder gar nicht, und selbst im Fachhandel wird nicht immer sauber unterschieden. Dabei ist der Unterschied keineswegs akademisch – er entscheidet darüber, wo ein Lautsprecher aufgestellt wird, wie er klingt und ob er in Ihrem Wohnzimmer funktioniert.
Dieser Artikel klärt auf: Was steckt hinter den Begriffen, warum macht der Wandabstand so einen großen Unterschied – und woran erkennt man eigentlich, welcher Typ zu einem passt?
Bevor wir einsteigen - Wer schreibt hier eigentlich?
Dieser Text stammt von Jens Ragenow, Produktmanager bei der Pannes Vertriebs KG für die britischen HiFi-Marken Monitor Audio, Roksan und Blok. Er hat seine Ausbildung im klassischen Einzelhandel im HiFi- und TV-Bereich gemacht und ist dem Thema seit über 25 Jahren treu, wobei die langjährige Erfahrung im hochwertigen HiFi-Einzelhandel dafür sorgt, dass er ein exaktes Gespür dafür hat, worauf es Musik- und Heimkinoliebhaber eigentlich ankommt und mit welchen Sorgen und Problemen er bisweilen zu kämpfen hat. Es geht eben nichts über Erfahrung.
Kompaktlautsprecher (aka Standmount Speaker) sind von ihrer klanglichen Abstimmung so ausgelegt, dass sie auf einem Standfuß und relativ frei im Raum bzw. mit ausreichend Abstand zur Rückwand (mindestens 20 Zentimeter, aber gern 30 Zentimeter oder mehr) aufgestellt ihr volles Potenzial entfalten.
Regallautsprecher (aka Bookshelf Speaker) hingegen sind so konzipiert, dass sie mit einer Wand im Rücken die beste Performance liefern - also bei einem Wandabstand zur Rückwand von 10 bis 15 Zentimetern, was typischerweise bei der Aufstellung im Regal oder auf einem Lowboard oder Sideboard der Fall ist.
Der Wandabstand ist entscheidend, wenn es um den Pegel, also die Lautstärke und den Druck im Bassbereich geht, den der Lautsprecher erzeugen kann.
Kompaktlautsprecher sind akustisch so ausgelegt, dass sie den Bass ganz allein – ohne Unterstützung von der Rückwand – stemmen können. Dafür brauchen sie aber auch entsprechenden Abstand, da der Bass sonst zu dick werden und im schlimmsten Fall sogar dröhnen würde.
Regallautsprecher brauchen die Wand im Rücken, um ein vollständiges Klangbild inklusive knackigem Bass zu erzeugen und klingen frei aufgestellt zu dünn bzw. bassarm.
Genau aus diesem Grund hat beispielsweise Monitor Audio in vielen Serien immer mindestens zwei Varianten zur Wahl. Einen Regallautsprecher wie die Silver 50 oder Gold 50 und einen Kompaktlautsprecher wie die Silver 100 oder Gold 100, die sich auf einem Standfuß mit Wandabstand am wohlsten fühlen.
Wenn Sie also auf der Suche nach einem neuen Kompaktlautsprecher sind und der Lautsprecher Ihrer Wahl ihnen zu viel oder zu wenig Bass macht, sind Sie wahrscheinlich genau in diese sprachliche Falle getappt. Wie das in der Praxis aussehen kann, lässt sich schön in diesem Video nachvollziehen, in dem die Canton Vento 31 (Kompaktlautsprecher) mit der ELAC BS 283 (Kompaktlautsprecher) und der Monitor Audio Gold 50 6G (Regallautsprecher) verglichen wird.
Der Hörtest beweist eindrucksvoll, was passiert, wenn man den richtigen Lautsprecher in der falschen Umgebung bzw. mit unpassenden Bedingungen ausprobiert. Plakativ formuliert: Mit einem Ferrari werden Sie bei einer Ausfahrt ins Gelände wahrscheinlich auch ihr blaues Wunder erleben, während es kaum etwas elektrisierendes gibt, als einen Ferrari auf der Rennstrecke zu erleben.
Bezogen auf die Monitor Audio Gold 50 6G heißt das: Stellen Sie die Box ins Regal und gönnen Sie ihr etwas Wandabstand (~10 bis 15 Zentimeter), legen Sie Ihre Lieblingsscheibe auf und der Lautsprecher (und auch jeder andere seiner Art und Preisklasse) nimmt Sie mit auf eine musikalische Reise sondergleichen. Am Ende müssen wie immer sowohl Lautsprecher als auch Raum bzw. Aufstellung zueinander passen, um ein erstklassiges Ergebnis zu erzielen.
Probieren Sie es selbst und lassen Sie sich begeistern.
Am Klang. Darüber hinaus gibt es keine wirklich harten Fakten bzw. technischen Daten, an denen sich die Eignung eines Lautsprechers als Kompaktlautsprecher auf Standfuß oder als Regallautsprecher mit größerer Nähe zur Rückwand wirklich ausmachen lässt.
Die untere Grenzfrequenz bzw. auch der Frequenzgang an sich können ein Anhaltspunkt dafür sein, ob der Lautsprecher sich eher für eine freie Aufstellung oder eine wandnahe Aufstellung eignet, letztlich lässt sich das aber nur im Hörvergleich bzw. im Gespräch mit einem erfahrenen Fachhändler herausfinden.
Leider ebenfalls nicht. Ein nach vorn oder nach hinten abstrahlendes Bassreflexrohr ist kein verlässliches Erkennungsmerkmal: Ob ein Lautsprecher für wandnahe oder freie Aufstellung ausgelegt ist, entscheidet allein die akustische Abstimmung durch den Entwickler – nicht die Position des Ports.
Es bleibt dabei: Sie sollten den Lautsprecher entweder selbst Probe hören oder zumindest mit einem Fachhändler, der den Lautsprecher kennt, sprechen, um keine Überraschungen zu erleben.
In der Praxis taucht häufig eine weitere Frage auf – und mit ihr ein verbreiteter Irrglaube: Kann ich aus einem Kompaktlautsprecher, der eigentlich auf einem Standfuß mit größerem Wandabstand stehen sollte, durch einfaches Verschließen des Bassreflexrohres einen Regallautsprecher machen, der problemlos wandnah aufgestellt werden kann?
Die Antwort ist: Nein. Das Verschließen des Bassreflexrohres verändert zwar das Klangbild – der Bass wird schlanker und weniger druckvoll, verändert aber auch die tonale Balance des Lautsprechers. Durch das Verschließen des Bassreflexrohres wird zwar der direkt vom Rohr abgestrahlte Schall eliminiert, trotzdem wird aber der Bass, der vom Tief-/Mitteltöner bzw. Tieftöner selbst erzeugt wird weiterhin von der Rückwand reflektiert und addiert sich auf. Mit anderen Worten: Ein Kompaktlautsprecher mit eingesetztem Bassreflexstopfen wird wandnah aufgestellt sehr wahrscheinlich trotzdem deutlich bassbetonter und wärmer klingen und im schlimmsten Fall sogar zum Dröhnen neigen.
Was der Bassreflexstopfen wirklich kann – und wofür er tatsächlich gedacht ist –, erklärt der nächste Abschnitt.
Grundsätzlich ist die Bassreflexöffnung dazu da, den Lautsprecher bzw. konkret den Tieftöner bzw. Tief-/Mitteltöner im Bereich der Port-Tuningfrequenz im Bass zu unterstützen und zu entlasten – unabhängig davon, ob es sich um einen Kompakt- oder Regallautsprecher (oder Standlautsprecher) handelt.
Der „Trick“ ist, dass die Luft im Bassreflexrohr rund um die sogenannte Port-Tuningfrequenz als eine Art gegenphasige Luftfeder zur Membran arbeitet und der Bass fast ausschließlich vom Bassreflexrohr (bzw. der darin stehenden Luftmembran) erzeugt wird; die Lautsprechermembran an sich steht in diesem Frequenzbereich praktisch still – wird sie doch von der Luftfeder gebremst.
Wenn man nun die Bassreflexöffnung verschließt, nimmt man der Box eben genau diese Unterstützung im Bassbereich und zwingt den Tieftöner bzw. Tief-/Mitteltöner zu einer deutlich größeren Auslenkung, um den gewünschten Bass zu erzeugen. Das erhöht das Risiko von Klirr bzw. Kompression und kann – bei sehr hohen Pegeln – sogar zu thermischer Überlastung der Schwingspule oder einer beschädigten Membran führen.
Mit dem Bassreflexstopfen lässt sich die Box also schon „im Bassbereich einfangen“, wenn sie dort zu mächtig auftritt, empfehlenswert ist das allerdings aus oben genannten Gründen nur bedingt.
Das erklärt auch, warum Regallautsprecher trotz ihrer notwendigen Nähe zur Rückwand in den meisten Fällen ihre Bassreflexöffnung nach hinten haben. Sie brauchen die Unterstützung zur Wand – inklusive Bassreflexrohr, um „komplett“ zu klingen und würden mit einem geschlossenes Gehäuse im Bassbereich schnell überfordert sein.
Technisch gesehen könnte die Bassreflexöffnung natürlich auch vorn im Gehäuse sein, das sieht allerdings in der Regel nicht unbedingt hübsch aus und würde das Lautsprechergehäuse nur wieder unnötig vergrößern – dabei ist ja meist genau das der Wunsch: Ein möglichst kompaktes, unauffälliges Gehäuse zu haben.
Der Bassreflexstopfen kommt immer dann zum Einsatz, wenn Sie Ihre Lautsprecher mit einem Subwoofer ergänzen möchten und Ihr Verstärker über einen Hochpassfilter verfügt. Das bedeutet, dass Ihre Lautsprecher bei einer bestimmten Frequenz (tunlichst oberhalb der Port-Tuningfrequenz) im Bassbereich abgeschnitten werden und diesen dann exklusiv der oder die Subwoofer übernehmen.
Der Lautsprecher wird dann damit von der intensiven Hubarbeit im Bass befreit und kann seine eigentlichen Stärken voll ausspielen, während er den Bass einem weiteren Spezialisten – dem Subwoofer – überlässt, die dann zusammen ein echtes Traumpaar ergeben.
Der Bassreflexstopfen hat dabei sogar noch eine zweite Funktion. Fällt eine Box mit offenem Bassreflex mit 24 Dezibel pro Oktave ab (der Pegel im Bass wird also schlagartig deutlich weniger), sorgt der Bassreflexstopfen für einen Pegelabfall von lediglich 12 dB pro Oktave, was die Einbindung bzw. Abstimmung des Lautsprechers in Kombination mit dem Subwoofer im Bereich der Übergangsfrequenz deutlich einfacher macht und harmonischer klingen lässt.
Wenn Sie sich bis hierher durchgelesen haben, haben Sie ganz offensichtlich Interesse an einem Kompakt- oder Regallautsprecher. Und daher wollen wir Ihnen ein paar schnelle Empfehlungen und Beispiele geben.
| Regallautsprecher (wandnahe Aufstellung) | Kompaktlautsprecher (freie Aufstellung) |
| Monitor Audio Silver 50 | Monitor Audio Silver 100 |
| Monitor Audio Gold 50 | Monitor Audio Gold 100 |
| DALI Oberon 1 | DALI Oberon 3 |
| DALI Sonik 1 | DALI Sonik 3 |
| Canton GLE 20 | Canton GLE 30 |
| Canton Vento 21 | Canton Vento 31 |
| KEF Q1 Meta | KEF Q3 Meta |
Auch gilt natürlich wie immer: Nichts geht übers Probe hören! Wir wünschen viel Freude beim Hören und Entdecken und bedanken uns für Ihre Aufmerksamkeit. Und zum nächsten Monitor Audio-Fachhändler in Ihrer Nähe geht's übrigens hier entlang: Zur Monitor Audio-Fachhändlerübersicht.